Articles in German - Artidomus

Go to content

Main menu:

ABOUT ME
“Phantastisch (be)greifbare Gefühle“ (2002)
Autor: W.T. Turmond
Für die Buchausgabe: "Phantastisch (be)greifbare Gefühle”
 
Smeitink-Mühlbacher steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität und betrachtet seine künstlerische Existenz mit sachlicher Nüchternheit.
Die alltägliche Realität, in der wir alle leben, ist immer wieder Ausgangspunkt seines künstlerischen Ausdrucks, überträgt sich auf sein Werk  jedoch keinesfalls durch einen bekannten Formenschatz, der für uns diese Wirklichkeit widerspiegelt oder symbolisiert.
Er fühlt sich anscheinend immer stärker gezwungen, seine eigene Identität und Kreativität zu thematisieren und sich noch immer nicht den Entwicklungen innerhalb der bildenden Kunst zu öffnen.
 
„.... beschränkt durch seine Armeslänge und Finger-Spannweite ...“
Zu Beginn eines jeden neuen Gemäldezyklus’ geht Smeitink-Mühlbacher davon aus, dass ihn nur Neues erwartet. Immer wieder muss er sich allerdings mit der Feststellung abfinden,  dass der jeweils gegenwärtige Ausgangspunkt vom jeweils vorherigen Zyklus beeinflusst wird, auch dann, wenn eine monatelange Ruhepause dazwischenliegt.
Jeder Schritt im Gestaltungsprozess ist eine Expedition in die Zukunft und muss zwangsläufig in etwas Neuem resultieren, so wie bei einem Spiel nicht der letzte Zug wiederholt werden kann. Innerhalb eines neuen Gemäldezyklus’ fungiert jedes einzelne Gemälde als Spiegel und zugleich Rahmen für die anderen beteiligten Gemälde. Somit bestimmen sie gemeinsam Richtung, Form und Inhalt ihrerselbst sowie des gesamten Zyklus’.
Bei Smeitink-Mühlbachers Vorgehensweise ergießen sich streng kontrollierte motorische Handlungen in Wellenbewegungen aus dem tiefsten Inneren des Malers auf die Leinwand. Die Gemälde sind sehr sorgfältig aus mehreren Lagen aufgebaut, wodurch die Materien, Veränderungsprozesse und deren wechselseitigen Einflüsse die Möglichkeit erhalten, sich eng zu vernetzen.
Das Werk Smeitink-Mühlbachers kennzeichnet sich durch mehr als nur theoretisches Wissen, handwerkliches Können, Erfahrung und Beherrschung des Materials. Der Künstler greift nicht in das Material ein, indem er vorab die spezifischen Materialeigenschaften berücksichtigt, die für ihn oft eine Einschränkung seines Handelns bedeuten, sondern er begegnet seinen Materialien auf seine ureigene, intuitive Art.
Indem er unter anderem seine individuell beschränkte Armeslänge und Finger-Spannweite einsetzt, entsteht eine direkte Beziehung und Umarmung mit seinen Gemälden und Materialien.
Jedes Material, von Smeitink-Mühlbacher in dieser spezifischen Zusammensetzung selbst entworfen und hergestellt, hat für den Künstler seinen eigenen Charakter bekommen, und er lässt es liebkosend sowohl mit ihm als dem Kunstschaffenden als auch den anderen Materialien ringen. Durch diesen Schöpfungsprozess tritt Smeitink-Mühlbacher in einen Dialog mit seinem Werk, bei dem er seinen selbst erschaffenen materiellen Charakteren eine Schlüsselposition zuteil werden lässt. Zudem nimmt Smeitink-Mühlbacher sich selbst die Zeit und Ruhe, um durch genaue Erforschung und Wahrnehmung seiner Materialien und seinem inzwischen gesteigerten Materialbewusstsein seine Aussage expliziter machen zu können. Der Künstler lebt sozusagen mit dem Gestaltungsprozess. 
Dass nicht alles vorhersehbar ist, zeigt sich immer dann,  wenn nach Minuten, Stunden, Tagen oder manchmal Wochen des Trocknens Veränderungsprozesse stattgefunden haben; völlig unerwartet und ungewollt. Spontan aufgetretene Risse, Schrumpfungen und Oxidationsfarben, die durch die uns umgebenden natürlichen Kräfte hervorgerufen wurden, haben offenbar die Möglichkeit bekommen, auf Smeitink-Mühlbachers Werk ihren charakteristischen Einfluss auszuüben und somit dessen Aussagekraft mitzubestimmen.
Während und nach jeder Trockenphase tastet Smeitink-Mühlbacher erneut jedes Detail seines Werkes ab. Durch Putzen, Kratzen, Schleifen, Kerben und manuelle Eingriffe entsteht langsam eine sorgfältig aufgebaute Schichtung in der Textur des Werkes, die je nach Betrachtungsstandpunkt eine andere Nuance sichtbar werden lässt. Dies kann der Betrachter der Gemälde gut wahrnehmen, wenn er den natürlichen Lichteinfall auf den Gemälden aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.
 
Bewusst wird jegliche Form von Verzierung und Schnörkelei vermieden ....
Die Zeichensprache seiner Gemälde, mit der Smeitink-Mühlbacher seinen grundlegenden Gefühlen Ausdruck verleiht, besteht aus einer großen Bandbreite von vage erkennbaren, oft beschädigten, geometrischen Elementen in gedeckten irdenen Farben.
Durch deren gegenseitge Anordnung und Neigung, von der Leinwand zu fliehen, schließen sie das Gemälde nicht ab, sondern schaffen vielmehr einedreidimensionale Wirkung, die sogar in den kleineren Formaten aufrecht erhalten werden kann. Sie wird unter anderem dadurch verstärkt, dass der Künstler die Ränder in seine Gemälde miteinbezieht.
Die geometrischen Formen werden in den letzten Jahren stärker Teil des Ganzen, manifestieren sich jedoch weiterhin sehr betont.
Ein direkt wahrnehmbarer Vorder- und Hintergrund im Werk wird vermieden, indem die transparente Zusammenstellung der Schichten eine Bewegung suggeriert, die zum Ganzen verschmilzt.
In jüngeren Werken ist der Untergrund anscheinend glatter aber auch vielschichtiger geworden, was dem Werk mehr Tiefe, jedoch auch weniger Kontrast verleiht. Der geschichtete Aufbau bleibt sichtbar, aber die Art und Weise, auf die das Werk zustandegekam, bleibt unerschließbar, weil Pinselstriche oder Abdrücke von Palettenmessern nahezu fehlen.
Ganz bewusst wird jegliche Form von Verzierung und Schnörkelei vermieden und abgelehnt, weil Smeitink-Mühlbachers nicht  die technischen Möglichkeiten der Matieralien betonen will, sondern die Möglichkeiten, die sich durch deren gegenseitige Wirkungen und Einflüsse aufeinander bieten. Die optische wie auch die materielle Dreidimensionalität der verwendeten Materialien sind ebenfalls Träger der Botschaft des Künstlers.
In den oft vertikalen Gemälden wird der Blick des Betrachters nach oben gelenkt, wodurch die monumentale Wirkung verstärkt wird.
Viele seiner jüngeren Werke konkurrieren dementsprechend auch mit den menschlichen Dimensionen, ohne den Betrachter angreifen zu wollen.
 
Soll das Gemälde oder der Mensch entschlüsselt werden?
Bei der Betrachtung von Kunstwerken drängt es jedes Individuum gerade dazu, das wahrgenommene Bild in einen für sich sicheren und fast greifbaren Rahmen einzuordnen.
Hilfe kommt hierbei oft von der Garde der Kunstkritiker und Kustoden, die einfachheitshalber das Werk Smeitink-Mühlbachers in die Schublade „Materienmalerei“ stecken. Dieser anscheinend simple Hinweis kann dem Betrachter „helfen“, aber öffnet auch Generalisierung, Stigmatisierung und bekannte Reaktionen der Art „das haben wir schon früher mal gesehen“ Tor und Tür. Innerhalb dieses Rahmens haben fest umschriebene und fast „vorgeschriebene“ Werte und Normen die Oberhand und steuern unsere Wahrnehmung.
Solche analytische und lineare Denkweise sucht fast automatisch nach Anfang und Ende, die Halt geben sollen. Oft wird dies sichtbar, z.B. wenn jemand verbissen nach dem Namen des Künstlers und dem Titel des jeweiligen Werkes sucht.
Smeitink-Mühlbacher hebt diese Sicht- und Denkweise einerseits hervor, andererseits  durchkreuzt er sie, indem er seine Gemälde nicht an der Vorderseite signiert und auch Titel weglässt. Hiermit eröffnet er dem Betrachter die Möglichkeit,  das Werk frei zu erfahren und durch dessen Verinnerlichung  seine eigenen Gefühle zu ergründen. Wie auch das Leben selbst ein Prozess ist, der durch unerwartete Ereignisse auf den Kopf gestellt werden kann, ist auch jede Konfrontation mit Smeitink-Mühlbachers Werk ein Ergebnis solchen Prozesses.
 
Das Werk Smeitink-Mühlbachers ist  ein phantastisches Stück (be)greifbarer Wirklichkeit.
Fast unbewusst schreiben wir einem Gemälde zu, eine mystische Botschaft zu besitzen, die es zu suchen,  zu erschließen und zu definieren gilt.
Zweifellos ist es das Ziel Smeitink-Mühlbachers, dem Betrachter den direkten Zugang zur Bedeutung seines Werks zu erschweren, um auf diese Weise den individuellen Assoziationen des Betrachters Platz einzuräumen. Die dadurch entstehende Spannung zwischen Wahrnehmung und Gefühlen fordert den Betrachter zum Nachdenken auf und provoziert dadurch immer eine Reaktion. Soll das Gemälde oder der Mensch entschlüsselt werden?
Versucht Smeitink-Mühlbacher seine eigenen Grenzen zu entdecken oder tut der Betrachter das bei sich selbst? Will der Betrachter das Werk Smeitink-Mühlbachers entschlüsseln, dann muss er offensichtlich an seine eigenen Grenzen des Menschlichen stoßen, um ihm eine persönliche, individuelle Bedeutung zu geben. Gerade diese Freiheit, die uns das Werk bietet, schafft neue Möglichkeiten, die alltägliche Wirklichkeit und die Lage, in der wir uns befinden, neu zu bestimmen. Solange wir nur der uns bisher gelehrten (Zeichen-)Sprache und den allgemeingültigen Werten und Normen vertrauen, die oft auch noch von den allgegenwärtigen Medien propagiert werden, wird das Werk Smeitink-Mühlbachers für uns ein Mysterium bleiben. Wie wir sein Werk begreifen wollen und können, ist ausnahmslos persönlich und lässt sich nicht an Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen von anderen überprüfen oder messen.
 
Abschließend ein Zitat von Mark Rothko, das auch Smeitink-Mühlbacher für sich in Anspruch nimmt: „Mich interessiert nicht an erster Stelle die Beziehung zwischen Farbe und Form oder Ähnlichem. Was mich am meisten interessiert, sind die grundlegenden menschlichen Gefühle. Diejenigen, die von meinen Gemälden zu Tränen gerührt werden, haben dieselbe religiöse Erfahrung, die ich hatte, als ich sie malte.“


“Walther Smeitink-Mühlbacher die Kunst und die Kreise“ (1997)
Autor: Marcel Chevalking
Für: De Gelderlander, 24. Juli 1997
 
Doetinchem (NL) - „Ich finde das Stadsmuseum einen passenden Ort. Viel Atmosphäre, die Farben, die alten Holzbalken. Diese Örtlichkeit entspricht eher meinem Gefühl als Groningen oder Arnhem. Mir ist es auch egal, was man dort davon hält. Die Schwere  eines „Museums“ kann ruhig einmal leichter genommen werden. Ein Museum sollte Teil der Gesellschaft sein, genau wie eine Kneipe, in der die Leute sich treffen, um zu quatschen. Im Stadsmuseum wird das Etnographische stark betont und weniger die bildende Kunst, aber was soll’s. Es gibt Impulse. Das eine Mal ist es der Klub der Hobby-Maler von De Huet, ein anderes Mal Walther Smeitink-Mühlbacher, das ist doch gut so.“
Im Stadsmuseum an der Grutstraat in Doetinchem schneite gestern der Maler und Bildhauer Walther Smeitink-Mühlbacher herein. Der ex-Doetinchemer verdient sein Brot mit Kunst. Er arbeitet in Arnhem und in seinem Atelier in Tschechien. Er malt wie er selbst sagt „mit einer kleinen Farbpalette“, grau und braun sind viel verwandte Töne. Auf seinem Namen stehen  Ausstellungen in den Niederlanden, in Deutschland, Österreich und Tschechien. Er betreibt einen Kunstverlag, arbeitet mit der Innenarchitektin Dorien Siebersma zusammen und entwirft Kamin-Schirme für einen großen europäischen Fabrikanten. „Ich bin ein Künstler, der sich selbst ernähren muss. Das ist gut. Ich finde es blöd, dass Studenten der Kunsthochschule Startstipendien bekommen und nichts  weiter zu tun brauchen, als das Geld auszugeben. Die Kreise, in denen Galeristen „Hängegebühren“ verlangen, dahin gehe ich nicht.  Die Kreise sind vom Kommerz durchtränkt. Handel und Kunst sind in den Niederlanden stark miteinander verbunden. Ich verweigere mich prinzipiell gegen diese Situation. Ich gehe immer weniger in Galerien und hänge in einige zwar meine Arbeiten,  werde dann aber darum gebeten. Ich bin auf Sammler angewiesen. Es gibt nicht viele, aber genug. Und die Kreise? Ich grenze mich nicht aus, aber ich gehe auf einer anderen Grundlage hierin mit. Ich arbeite schon mal nebenbei, z.B. wenn ich selbst Ausstellungen organisiere. Ich bin froh, dass es so ist. Das löst etwas aus, fördert Kommunikation. Die Leute können die Arbeiten von Künstlern miteinander vergleichen und einordnen.“
 
Ulenhof
Walther Smeitink-Mühlbacher (1963) ging nach dem Besuch des „Ulenhof Colleges“ zur PH  „Gelderse Leergangen“ in Nijmegen, Fachbereich Handarbeit, Kunstgeschichte und Textiles Werken. Von 1985 bis 1993 war er Fachdozent am „Graphisch Lyceum“ in Utrecht.  „Ich habe mich für die PH und nicht die Kunsthochschule entschieden, weil ich das Bedürfnis spürte, mein Fach anderen zugänglich zu machen. Die Struktur und die Inhalte dieser Ausbildungsrichtung sprachen mich an. Am „Ulenhof College“ hatte ich einen Handarbeitslehrer, Herrn Stargardt, keiner der laberte; er hat mich sehr stimuliert.“ Die PH entsprach Walthers Erwartungen. „Ich habe die Zeit genossen.“ Danach hat er sein Künstler-Sein weiterentwickelt.  1993 gab er seine Stelle in Utrecht auf und beschloss, als Künstler sein Brot zu verdienen. Weil seine Mutter Österreicherin ist, war er öfter in diesem Land. Er traf Tschechen „und bin in Tschechien hängengeblieben. Plötzlich brauste es, und musst ich feststellen, dass ich mich dort zu Hause fühlte. Die Kunst ist dort stärker integriert ins alltägliche Leben. Hier sind Popmusik, bildende Kunst und Theater vereinzelte Segmente, dort sind die einfach Teil der Gesellschaft.  Kunst ist dort nicht wichtiger als die Arbeit eines Bäckers, Glasers oder Schlachters. Das finde ich an Tschechien so gut. Und ich mache da auch nichts mehr oder weniger als alle anderen, nämlich meinem eigenen Talent nachzugehen und es weiterzuentwickeln. Außerdem gibt es so viele Gründe, warum es mir dort so gefällt. Das lässt sich nicht in ein paar Sätzen sagen. Warum ich nicht dauernd dort wohne? Ich bin verheiratet und meine Frau will dort nicht wohnen. Ich fahre regelmäßig dorthin, um zu arbeiten und mich zu erholen.“ Außerdem fühlt er sich auch mit Doetinchem verbunden. „Meine Eltern und Verwandten wohnen hier. Ich werde ganz nostalgisch, wenn ich hier an der Kneipe De Poort vorbeigehe. Die Gegend ist schön, und die Stadt fängt langsam an, lebendiger zu werden. Die Kneipen; endlich kann man hier mal auf der Straße ein Bierchen trinken. Was früher in der Themanstraat alle machten, und worüber jeder sich aufregte, das sieht man jetzt in der Grutstraat. Endlich wird hier auch auf den Straßen gelebt.“
Die Ausstellung im Stadsmuseum gibt einen Überblick über zehn Jahre Arbeit. Walther hat sich ganz bewusst hierfür entschieden. Es ist seine erste Ausstellung in seiner Geburtsstadt. „Sieh’s ruhig als eine kleine Retrospektive.“


“In Tschechien und der Slowakei nennt man sie abstrakte Ikonen“ (1995)
Für: De Veluwepost, Freitag, 7. April 1995
 
Wageningen (NL) - „’Wenn ich es mit Worten hätte sagen können, wäre ich Schriftsteller oder Dichter geworden’, das ist mein Standardsatz,“ sagt Walther Smeitink-Mühlbacher, Achterhoeker[1] und Mitteleuropäer, und demnach laut eigener Aussage „Halb-Ausländer“. Bis zum 17. April sind seine Materiengemälde und Objekte im Museum De Casteelse Poort am Bolespark zu sehen.
„Struktur einfach nur um ihrer selbst willen, so könnte man das Werk des in Doetinchem geborenen Künstlers nennen. Ein Ölgemälde, das mit Palettenmessern angefertigt worden ist, existiert nicht nur aus Farben und einer Idee, sondern auch aus Strukturen. Smeitink-Mühlbacher geht darin noch weiter; viel weiter; mit Hilfe von Sand, gemahlenem Marmor und Kunstharzen. „Ich arbeite kaum mit dem Pinsel“, sagt er. „Materiemalen steht - mit der traditionellen Malerei verglichen - noch in den Kinderschuhen. Obwohl schon seit Hunderten von Jahren gemalt wird, werden erst seit etwa 50 Jahren Materiengemälde gemalt.“
 
Stille
Über die Aussagen seines Werkes ist Smeitink-Mühlbacher denn auch sehr verschiegen. „Nichts sagen ist eigentlich auch eine Aussage,“ meint er. „Stille und Ruhe stehen in meinem Werk im Mittelpunkt. Als ein neues Element könnte man die Konfrontation der Geometrie mit der freien Flächenfüllung ansehen. Ich habe früher viel geometrischer gearbeitet.“ Bis ein Materiengemälde fertig ist, kann es durchaus ein halbes Jahr dauern. „Manchmal arbeite ich an dreißig Stücken zugleich. Das wird selbstverständlich auch stark von der Technik des Materienmalens vorgegeben. Es kann drei bis vier Wochen dauern, bis eine Haft- oder Zwischenlage getrocknet ist und ich weiterarbeiten kann.“ Smeitink-Mühlbacher macht keine Skizzen.  „Ich arbeite im Vorgang selbst; es ist ein wenig ein permanentes Labor.“ Der Künstler arbeitet mit Sand, Stein, Kupferstaub, und mit Gabeln und Palettenmessern, den Fingern, „allem, was sich so ergibt.“ Oft ist das, was er tut, experimenteller Natur. „Ja, ich musste schon mal hustend und prustend schnell aus der Werkstatt laufen, als das Zeug beim Experimentieren miteinander reagierte. Inzwischen habe ich allerdings so viel Erfahrung, dass ich garantieren kann, dass das Ganze nicht auseinanderfällt.“
 
Craquelé
„Man bricht manchmal mit festen Regeln. So passen in meinem Werk Öl- und Acrylfarben manchmal zusammen. Vielleicht will man ja gerade, dass sie einander abstoßen, nicht wahr? Craquelé entsteht schließlich auch dadurch, dass zwei Stoffe, die sich aufgrund ihrer Eigenschaften nicht vertragen, miteinander eine Reaktion hervorrufen.“ Ein Nachteil des Materienmalens ist, dass Leute die Gemälde anfassen wollen. „Nicht nur mit den Fingern. Oh, nein! Ich habe schon mal jemanden mit einem Schlüssel daran herumfummeln sehen!“ faucht der Künstler empört. Doch hat er selbst auch etwas Schuld daran. Strukturen fordern nicht nur zum Untersuchen mit den Fingerspitzen ein, wie etwa bei Textilstoffen, auch wird der Betrachter ab und zu auf eine falsche Fährte gelenkt. So sind z.B. ein paar lose Holzobjekte mit Blei beschlagen, aber der Ständer, auf dem sie ruhen ist kein Gußeisen, auch wenn er so aussieht, und die Bilderrahmen daneben sind auch nicht mit Blei, sondern mit einer Materienpaste bearbeitet. „Die Leute dürfen ruhig mal nicht wissen, woran sie sind,“ sagt Smeitink-Mühlbacher.
 
Ikonen
Trotz dieses Funken Humors strahlt das Werk Smeitink-Mühlbachers im allgemeinen Besinnlichkeit, sogar etwas Feierliches aus. „Es hat nichts mit einer Religion zu tun, wohl aber mit dem Glauben an sich,“sagt er selbst. „Mein Vater ist ein richtiger Achterhoeker, aber meine Mutter kommt aus Österreich. Ich trage sehr viel der mitteleuropäischen Kultur in mir. Böhmisches Erd-Grün ist z.B.  meine emotionale Lieblingsfarbe. Die mitteleuropäische Kultur ist wirklich ganz anders als die Kultur hier in den Niederlanden. Es gibt sehr viele fundamentale Unterschiede. Ich nenne mich selbst daher auch „ein halber Ausländer“. In Tschechien und der Slowakei fällt es den Betrachtern meiner Werke nicht schwer, meine Materiengemälde „abstrakte Ikonen“ zu nennen.
Smeitink-Mühlbacher selbst findet dies eine gut Umschreibung. „Stille, Ruhe, Meditation, das alles liegt meiner Meinung nach in meinem Werk.“


“Wo Glaube und Kunst sich treffen, das fasziniert mich“ (1995)
Autor: Assia Vermeulen
Für: “Gelders Dagblad“, November 1995
 
Wageningen - Der niederländisch-österreichische Maler und Bildhauer Walther Smeitink-Mühlbacher (1963) stellt seine neuesten Materiengemälde und Objekte im Theatercafé „De Harlekijn“im Schauspielhaus „De Junushoff“ während des „Cultureel Café“ aus. Danach bleibt sein Werk noch bis zum 20. Dezember zu sehen. Im März folgt dann eine Übersichtsausstellung seines Werkes im Museum  De Casteelse Poort.  „Die Tatsache, dass ich zwei Kulturen in mir trage, ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt,“ sagt Smeitink-Mühlbacher über sein Werk. „In den Niederlanden muss ist fast andauernd mein Werk erklären; in Österreich und den früheren Ostblockländern selten.“
„In Mitteleuropa findet meine Arbeit qua Aussage, Atmosphäre und Technik mehr Akzeptanz und Anerkennung,“erzählt Smeitink-Mühlbacher. „Hier in den Niederlanden stellt man immer die Warum-Frage beim Werk eines Künstlers. Eine Antwort  würde jedoch bedeuten, das „notwendige“ Geheimnis, das jeder Mensch in sich trägt, preis zu geben. Wenn ich etwas über meine Vorstellungen hätte erzählen wollen, wäre ich nicht Maler, sondern Schriftsteller geworden.“ Ich male und bildhaue nicht ohne Grund! Die laut westlichem Christentum „heidnischen“ keltischen und germanischen Einflüsse, die in meinem Werk oft zu finden sind, werden denn auch als Bereicherung der bildenden Kunst aufgefasst. Dabei werden keine weiteren Fragen gestellt. Die Beziehung zwischen dem Glauben und der Kunst fasziniert mich sehr,“ sagt Smeitink-Mühlbacher. „Glaube ist für mich sowohl mit der Erde verbunden wie auch mit dem Menschen. Er ist mit Sicherheit etwas anderes als eine bestimmte Religion, die sich stark auf die Institution Kirche ausrichtet. Meine Materiengemälde wurden oft mit Ikonen verglichen, aber dann in abstrakter Form.“ Smeitink-Mühlbacher wählt Erd-Töne, Gold, Kupfer und Silber für seine Materiengemälde, die durch Spitzen, Senken, Hügel, Wellen, und Kratzer in Materie gebildet werden. Er trägt viele Lagen übereinander auf und gebraucht Materien, Acryl, Öl und Teperafarben. Danach bearbeitet er die Lagen mit Palettenmessern, Pinseln oder den Händen. Seine Materiengemälde sind an der Rückseite nicht abgedeckt und erscheinen, wenn die Sonne auf sie scheint, auffällig transparent. Geometrische und/oder symmetrische Formen verleihen dem Werk Ordnung, genau wie regelmäßig zurückkehrende Einschnitte und Zahlen. Die Zahlen drei, sieben, zwölf und vierzig kehren oft zurück in seinem Werk. „Es sind Zahlen aus den Mythen und Sagen, die mich inspirieren,“ erklärt Smeitink-Mühlbacher. „Genau wie die Themen: der Streit zwischen Gut und Böse, Wissen und Unwissen, Mann und Frau.“
 
Einsiedler
Die Materiengemälde und Objekte, die Smeitink-Mühlbacher ausstellt, zeigen Gemeinsamkeiten im Hinblick auf die Wahl des Materials. Holz, Kupfer, Stein, Bröckel, Staub, die er in seinen Objekten benutzt, kommen u.a. aus dem Umkreis seines Ateliers in Groesbeek oder wurden von ihm von seinen vielen Reisen in seine zweite Heimat mitgebracht, das eine unversiegende Quelle der Inspiration für ihn. Die Objekte erinnern an Opfersteine, auf denen Gegenstände aus Holz und Stein liegen. „Ja,“ reagiert Smeitink-Mühlbacher überrascht, „so könnte man sie auch sehen. Opfern ist für mich eine Form der Hilfe. Keine eigenen Interessen haben; das assoziiere ich mit Glauben.“ Wenn Smeitink-Mühlbacher sein Material gesammelt hat, schließt er sich in in sein Atelier ein und arbeitet mit allem, das in diesem Moment vorhanden ist. „Ich bin ein bißchen wie ein Einsiedler,“ erklärt er. „Ich recycle alles. Jedes Überbleibsel eines Vorgangs, auch der Abfall, bestimmt das Endprodukt. Bröckel und Staub, die beim Bildhauen übrigbleiben, vermenge ich mit meinen Materien und Farben. Dass ich dies am liebsten in meiner eigenen „Handschrift“, meiner Textur, meiner Motorik verarbeite, hat mit meinem früheren Beruf als Dozent am Grafischen Lyzeum in Utrecht und meinem Interesse für Typo- und Calligraphie zu tun.“ Aber nochmals betont er: „meine Botschaft ist nicht buchstäblich lesbar. Der Betrachter mag „lesen“ was er will. Meine Arbeiten signiere ich nicht an der Vorder- sondern an der Rückseite. Ich betrachte mich selbst als eine Art Mittler für Emotionen und Gefühle (?warum doppelt?).

 
 
 
 
Back to content | Back to main menu